Max Otte: „Mir war noch nie so mulmig wie jetzt“

Folgendes Interview wurde am 7.3.2014 von Börse Express geführt. Vielen Dank dafür!

Max Otte: „Beim derzeitigen Gold-Preisniveau kann es so verkehrt nicht sein, sich ein kleines Polster aufzubauen“

Börse Express: Bei der Krim-Krise scheinen die Fronten verhärtet. Wie besorgt sind Sie?

MAX OTTE: Ehrlich gesagt, mir war noch nie so mulmig wie jetzt. Die Lage ist ernst. Mit dem Umsturz in der Ukraine wurde eine Situation geschaffen, die das Potenzial zu einer ganz großen Krise hat. Dabei ist die Situation viel komplexer, als sie in fast allen Medien dargestellt wird.

Inwiefern?

OTTE: Putin bemüht sich seit Jahren um eine Partnerschaft mit dem Westen. Russland sollte ein integraler Bestandteil jeder europäischen Architektur sein. Ich habe Putin hierzu im Herbst 2010 gehört. Er ist sicher ein Machtmensch, dem man besser nicht in die Quere kommen sollte – welcher Mensch in einer solchen Position ist das nicht? Aber auf seinem Vortrag vor westlichen Führungskräften trat er sehr höflich und humorvoll auf, er beklagte jedoch, Europa und die USA täten alles daran, Partnerschaften und jegliche Formen der Zusammenarbeit zwischen russischen und europäischen Unternehmen so schwer wie möglich zu machen.

Geben Sie Putin in diesem Punkt Recht?

OTTE: Nun, ich habe selbst zehn Jahre in den USA gelebt und bin mir ziemlich sicher, dass Amerika nicht wirklich an einer engeren Beziehung zu Russland interessiert ist. Denn dies würde ja die amerikanische Vorherrschaft in Europa schwächen. Also tut man doch lieber alles, um Russland zu isolieren und Nadelstiche anzubringen. Der Umsturz in der Ukraine erfolgte nach bekanntem Muster.

Was meinen Sie damit?

OTTE: Ich halte es für nahezu ausgeschlossen, dass eine Bewegung wie auf dem Maidan-Platz vollkommen ohne Unterstützung von außen Erfolg gehabt hätte. Sicher gab es ein großes Unzufriedenheitspotenzial, aber das muss auch mobilisiert und gestützt werden. Es bleibt abzuwarten, ob die Menschen in der Ukraine mit Janukowitschs Nachfolger oder Nachfolgerin wirklich besser bedient sind. Eines dürfte jedoch ziemlich klar sein: die neuen Machthaber werden Verbündete des Westens sein und damit nichts als eine weitere Bedrohung für Russland direkt vor seiner Haustür.

Hat der Kalte Krieg damit erneut begonnen?

OTTE: So wie sich die USA und Europa auch nach der offiziellen Beendigung eines solchen gegenüber Russland verhalten haben, kann man schon die Frage stellen, ob er wirklich jemals aufgehört hat. Die jetzige Situation auf der Krim ist mehr als beunruhigend. Die von den Westmächten eingeleiteten Sanktionen gegen Russland stellen nur eine weitere Verhärtung der Fronten dar. Auch ich heiße den Einmarsch russischer Soldaten auf der Krim nicht gut, aber man sollte nie vergessen, dass die Krim urrussisches Gebiet ist. Solange es eine enge Freundschaft zwischen der Ukraine und Russland gab, konnte Russland vielleicht den alten Sonderstatus akzeptieren. Aber jetzt? Wir leben in gefährlichen Zeiten. Sollte es zu einem Krieg kommen, Gnade uns Gott.

Wie gehen Sie als Anleger damit um?

OTTE: Ich habe kürzlich Gold nachgekauft. Ich habe schon immer zu einer Beimischung von physischem Gold geraten. Gold war für mich noch nie Spekulationsobjekt, sondern immer ein zusätzlicher Krisenschutz. In schweren Zeiten kann Gold immer Währungscharakter annehmen – es ist also ein zusätzlicher Notgroschen. Der durchschnittliche Förderpreis je Unze liegt bei etwa 1100 US-Dollar. Beim derzeitigen Preisniveau je Unze von etwa 1370 Dollar – damit ist Gold etwa fair bewertet – kann es so verkehrt nicht sein, sich hier ein kleines Polster aufzubauen.

Sollte man jetzt also raus aus Aktien?

OTTE: Trotz oder gerade wegen der brisanten Lage, gibt es für mich noch keinen Grund, aus Aktien völlig rauszugehen. Im Gegenteil. Was wäre denn die Alternative? Klar braucht jeder einen gewissen Anteil an liquiden Mitteln, aber nicht nur, dass Anleihen und Termingelder als Anlageformen zum Geldvermögen zählen und damit dem Inflationsrisiko voll ausgesetzt sind, auch die anhaltende Niedrigzinspolitik der Notenbanken macht Anleihen etc. nicht wirklich interessant. Nein, da sind mir Aktien der Nestlés, Coca Colas und Henkels dieser Welt lieber – also Langfristinvestments, die mir stabile 3, 4, 5 und mehr Prozent Dividende jährlich bringen, starke Marken haben und mit guter Wahrscheinlichkeit auch noch Jahrzehnte existieren und profitabel sein werden.

Diese Aktien sind aber nach wie vor nicht gerade billig …

OTTE: Sie sind etwa fair bewertet. Aber das heißt ja nicht, dass Sie zu viel bezahlen. Günstig bewerte Aktien sind derzeit unter anderem in der Öl- und Gasbranche zu finden.

Aber werden bei einem Krieg die Aktienmärkte nicht einbrechen?

OTTE: Sollte es zum Schlimmsten kommen, haben wir in Europa sicher erst einmal ganz andere Sorgen. Jeder Crash ist irgendwann vorbei und es wird Unternehmen geben, die den Crash überleben, ja vielleicht sogar gestärkt aus ihm hervorgehen.

Die Basis Ihres Depots sollte immer aus Aktien von Unternehmen bestehen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Krise überleben werden. Unternehmen, die Güter des alltäglichen Bedarfs herstellen, die Produkte verkaufen, die zu jeder Zeit – auch in Krisen – gebraucht werden, sind hier eine Möglichkeit.

Sie haben bereits Öl und Gas erwähnt. Wären russische Aktien wie Gazprom jetzt eine gute Einstiegsmöglichkeit? Der Titel hat ja beim Kurs deutlich verloren.

OTTE: Gazprom ist jetzt durchaus sehr attraktiv bewertet. Investieren ist immer ein Abwägen des Chance-Risiko-Verhältnisses. Bei Gazprom ist somit unter anderem der starke Einfluss des russischen Staates mit ins Kalkül zu nehmen. Das „Was?“ ist beim Aktienkauf noch vor der Frage nach dem „für wieviel?“ das Entscheidende.

Auf was kommt es noch an?

OTTE: Absolute Sicherheit gibt es nie. Das sollte jedem Anleger bewusst sein. Ein Risiko der von den meisten Privatanlegern immer als so sicher angesehene Anleihen habe ich bereits erläutert. Auch das Ausfallrisiko ist vorhanden. Anleihen sind nichts anderes als Schuldverschreibungen. Auch hier gibt es das Risiko des Forderungsausfalls durch Insolvenz oder Staatsbankrott. Bei Aktien haben die meisten immer nur das Kursschwankungsrisiko im Blick. Die Kurse können freilich viel dynamischer sein als zum Beispiel bei Immobilien – aber alleine wegen der Panik vor Kursschwankungen scheuen die österreichischen und deutschen Privatanleger Aktien. Gerade einmal 7 Prozent der Deutschen und gar nur 4 Prozent der Österreicher sind in Aktien investiert, sondern noch immer lieber beim traditionellen Sparbuch. Bezieht man allein schon die Inflation in Österreich und Deutschland mit ein, bedeutet das Parken von Geld auf dem Sparbuch nichts anderes als Geldvernichtung. Ich denke, hier besteht ein großer Aufklärungsbedarf.

Versuchen Sie das in Ihren Vorträgen wie jetzt in Wien und Graz zu vermitteln?

OTTE: Ich möchte Privatanlegern kommunizieren, dass Aktienkauf bedeutet, sich zu einem Bruchteil an einem real existierenden Unternehmen zu beteiligen. So wie sich das Gros der Marktakteure verhält, scheint das auch vielen Profis nicht klar oder zumindest nicht wichtig zu sein. „Dank“ den negativen Erfahrungen mit Zertifikaten, geschlossenen Immobilien- und Schifffonds sind viele Privatanleger so verunsichert und von Banken so enttäuscht, dass sie von der Geldanlage lieber komplett die Finger lassen. Dabei kann doch jeder Privatanleger mit einfachen Kriterien und eigenen Entscheidungen sein Vermögen auf eine solide Basis stellen. Der Aufklärungsbedarf ist hier enorm groß.

http://www.boerse-express.com/pages/1431544/fullstory?page=all

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